Der Kerker des Grauens

Eine gruselige Begegnung veränderte das Leben unseres Lehrers.

Dichter Nebel kroch um unsere Schule. Wir hatten sie in ein Spukschloss verwandelt. Wochenlang hatten wir dekoriert, genäht und gebacken. Die Aula glich einem Hexenkessel. Zombies, Mumien und Geister tanzten wild durcheinander. Eine Nonne sorgte für den passenden Sound.
Das Buffet bog sich – abgehackte Finger, Vampi-Burger, Spinnentorten, Geistermuffins, Blutsuppe, Knochenkekse und eitrige Zehen sahen zwar gruselig aus, schmeckten aber köstlich.

Die Geschichte zum Anhören

Hier kannst du dir die Kurzgeschichte „Der Kerker des Grauens“ von Irmgard Kramer auch anhören:

Nur Papa Joe, unser Lieblingslehrer, hatte – seit er selbst hier Schüler gewesen war – keinen Bock auf Halloween. Passend zu seiner Stimmung war er als Totengräber gekommen. Das half ihm aber auch nicht. „Mira, falls jemand fragt, ich gehe nach Hause. Ihr kommt ohne mich zurecht, nicht wahr?“
„Klaro“, sagte ich, „gute Besserung.“ Er verschwand im nebligen Schulhof.
Ich rührte gerade in einem giftgrünen Cocktail, als ein eisiger Luftzug meinen Nacken streifte. Ich wandte mich um.
Ein blasser Junge hinkte aus dem Keller die Treppe hinauf. Er war dünn und blond. Seine wässrig-blauen Augen wirkten riesig in seinem schmalen Gesicht.
Ich hatte ihn noch nie gesehen; sein steifes Bein wäre mir längst aufgefallen. Er war der Einzige, der sich nicht verkleidet hatte, abgesehen von der altmodischen Jeansjacke. Suchend irrte er herum. Wer ihm begegnete, wich erschrocken aus.
Ich trank den Cocktail auf Ex und stürzte mich zu meinen Freundinnen auf die Tanzfläche. Beim Abtanzen ertappte ich mich dabei, dass ich die ganze Zeit nach dem Jungen Ausschau hielt. Vergeblich. Um Schlag Mitternacht war die Party zu Ende. Leider hatte ich mich zum Aufräumen eintragen lassen. Der fröhliche Lärm verstummte. Je weniger Menschen hier waren, umso unheimlicher wurde es. Ständig fröstelte es mich.
Mit mulmigem Gefühl trug ich das Geschirr in die Kantine, bei jedem Geräusch zuckte ich zusammen. Ein Sensenmann – unser Hausmeister – wischte den Boden.
Ich wollte gerade ein künstliches Spinnennetz abnehmen, als sich im Fenster der Junge spiegelte. Er hinkte an Kürbissen vorbei, in denen wie durch Zauberhand eine Kerze nach der anderen erlosch. „Geh heim, Mira, du siehst blass aus“, sagte der Sensenmann und kümmerte sich um das Spinnennetz.
Mit weichen Knien wagte ich mich hinunter zu den Garderoben. Totenstille. Dann ein ekelhaftes Schmatzen. Himmel. Hinter einem Spind knutschten zwei Zombies. Angewidert riss ich meine Jacke aus dem Spind und eilte in den Fahrradkeller. Mit zitternden Fingern drehte ich am Zahlenschloss an meinem Rad – da erstarrte ich jäh. Er war da, ich konnte seine Anwesenheit fühlen. Jedes einzelne meiner Härchen stellte sich auf.
In Zeitlupe drehte ich mich um. Der unheimliche Junge lehnte an einem verbeulten Rad. „Weißt du, wo der Kerker des Grauens ist?“ Seine Stimme klang brüchig. Das war eine seltsame Frage, denn alle wussten, wo der Kerker des Grauens war. Uns dort aufzuhalten, war streng verboten, und außerdem war er stets zugesperrt. „Bitte! Ich finde ihn nicht mehr!“, flüsterte er.
Auf einmal tat er mir leid. „Hast du eigentlich einen Namen?“, fragte ich.
„Simon“, sagte er. „Ich geh in die 3D.“
Ach ja? Eigenartig. In diesem Jahr gab es nur drei dritte Klassen: 3A, 3B und 3C …
„Ich suche schon eine Ewigkeit. Bitte“, flehte er so verzweifelt, als hinge sein Leben davon ab, den Kerker des Grauens zu finden.
Ohne weiter nachzudenken, rannte ich hinauf zum Sensenmann und behauptete, ich hätte in meiner Klasse etwas vergessen. Bereitwillig reichte er mir seinen Generalschlüssel. Eine Tür nach der anderen aufsperrend, lotste ich Simon durch ein Kellerlabyrinth, das mehrmals umgebaut und erweitert worden war. Am Ende des muffigen alten Trakts mit den Werkräumen tauchte aus dem Schatten unheilvoll eine schwarze Eisentür auf – der Eingang zum Kerker des Grauens.
Man erzählte sich, dass hier früher Kinder eingesperrt worden seien, aber das war Blödsinn. Der Kerker war der geheime Treffpunkt der Lehrerinnen und Lehrer. Niemand wusste, was sie dort machten, aber manchmal stank es hier nach Zigarettenrauch.
Du hast ihn gefunden!“ Simon strahlte mich an. Ich öffnete die schwere Tür. Eine Steintreppe führte in die Tiefe. Ich knipste das Licht an. Es knisterte, ein kleiner Knall – und die Glühbirne war durchgebrannt.
„Joe?“, rief Simon freudig und kletterte in die Tiefe. „Bist du da?“
Ohne Furcht hinkte er hinunter in die endlose Finsternis, wie in einen Brunnenschacht. Panisch schlug ich die Tür zu, machte kehrt und rannte und rannte und rannte. Ein paar lose Worte stammelnd gab ich dem Sensenmann die Schlüssel zurück, dann rief ich meine Mutter an. Ich heulte ins Handy und ließ mich abholen.
Übers Wochenende fühlte ich mich sterbenskrank. Eingewickelt in meine Bettdecke und eine Wärmflasche im Arm, schlief ich durch bis Montag.
In der ersten Stunde kam statt Papa Joe ein Vertretungslehrer. Er erzählte uns, dass der Jugendfreund von Papa Joe am Samstag um Mitternacht aus einem jahrelangen Koma erwacht war.
Es sei ein Wunder. Später erfuhr ich, dass vor vielen Jahren der Kerker des Grauens der geheime Treffpunkt der beiden Jungen gewesen war. Bis Simon in einer Halloween-Nacht mit dem Rad verunglückte und Joe vergeblich auf ihn wartete.
Heute sind Simon und Papa Joe verheiratet. Ich treffe Simon oft, weil er im Eissalon arbeitet. Er grüßt mich freundlich, aber an unsere gruselige Begegnung kann er sich nicht erinnern.
Ich mich schon.

Irmgard Kramer kommt aus Vorarlberg und lebt in Wien. Sie schreibt Bücher für Menschen jeden Alters. Ihr Jugendroman „17 Erkenntnisse über Leander Blum“ wurde mit dem Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.


LeseStar-Aufgabe

Nichts für schwache Nerven – lies die neue Gruselgeschichte von Irmgard Kramer (oben) und beantworte folgende Fragen:
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