Das goldene Buch

von Franziska Wicha

Was macht Oma auf dem Dachboden? Mama und Papa dürfen nicht  erfahren, was passiert ist.

Oma ist weg!“, rief Elaines kleine Schwester Mona.
Dieser Satz ließ Elaine das Herz kurz einfrieren. Denn ihre Oma hatte Alzheimer, deshalb waren ihre Familie und sie in eine andere Stadt zu ihrer Oma ins große, alte Haus gezogen.
Elaine lief sofort die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, als sie den Satz hörte.
Plötzlich hörte sie ein Knarzen und ein Murmeln. „Mona! Ich glaube, es kommt vom Dachboden!“, sagte Elaine.
Sie ging leise auf den Dachboden. Dort stand ihre Oma und durchwühlte die Kisten, die vor ihr standen.
Elaine sagte besorgt: „Oma? Alles okay? Was machst du da?“
Doch ihre Oma antwortete nicht. Das Mädchen erinnerte sich daran, dass sie in letzter Zeit häufiger auf dem Dachboden war und grübelte. Aber Elaines Eltern waren immer rechtzeitig da, um Oma nach unten zu holen. Dieses Mal waren ihre Eltern beide in der Schule, denn es war Elternsprechtag und bei vier Kindern brauchten sie immer etwas länger, weshalb Elaine auf ihre kleinen Geschwister aufpassen musste.
„Oma? Kannst du mich verstehen?“, fragte ihre Enkelin.
Oma nickte. „Gut, Oma, dann komm jetzt bitte hinunter ins Wohnzimmer, bevor Mama und Papa wiederkommen.“
Elaine hatte Angst, dass ihre Eltern Oma ins Altenwohnheim schicken würden, wenn sie davon etwas mitbekämen. Also nahm sie ihre Oma und wollte mit ihr hinuntergehen, aber Oma weigerte sich. „Das Buch… Zaub …er“, stotterte sie.
Welches Buch, fragte sich Elaine, aber ihrer Oma hatte es schon wieder die Sprache verschlagen. Schließlich ging Elaine mit ihr ins Wohnzimmer zum Schaukelstuhl.
„Mona, du darfst ja nicht Mama und Papa erzählen, dass Oma heute wieder auf dem Dachboden war, sonst muss sie ins Altenwohnheim!“, sagte Elaine.
Mona antwortete mit einem Nicken. Als am späten Nachmittag die Eltern nach Hause kamen, saßen die vier Kinder mit Oma im Wohnzimmer. Ihre Mutter sagte zu Elaine, dass sie kurz mit ihnen in die Küche kommen sollte. „War Oma heute wieder auf dem Dachboden?“, fragte ihr Vater mit einem strengen Blick.
Darauf antwortete Elaine: „Nein! Sie war die ganze Zeit im Wohnzimmer und hat an ihrem Schal weitergestrickt.“
Elaine bekam Angst, dass ihre Eltern bemerkten, dass sie log. Doch zum Glück bemerkten sie es nicht.
Am Abend, als bereits alle im Bett lagen und schon fast schliefen, ging Elaine nicht aus dem Kopf, was ihre Oma gesagt hatte. „Welches Buch nur?“, fragte sie sich.
Schließlich ging sie auf Zehenspitzen leise die Treppe hinauf zum Dachboden. Sie durchwühlte so leise wie möglich die Kisten, aber das Buch sah sie immer noch nicht. „Wie soll ich denn das Buch überhaupt finden, wenn ich nicht weiß, wie es aussieht?“ 
Sie war schon kurz vor dem Aufgeben, als sie plötzlich ein goldenes, sehr altes Buch in ihren Händen hielt. „Das ist es, da bin ich mir sicher!“, flüsterte Elaine. Sie leuchtete das Buch mit ihrer Taschenlampe an. „Das Buch ist womöglich hunderte von Jahren alt, trotzdem hat es keinen einzigen Kratzer oder Fleck. Was hat es nur auf sich mit dem Buch?‘‘, 
wunderte sich Elaine. Sie durchblätterte das Buch, doch alle Seiten waren leer.
Als das Mädchen das Buch zuklappen wollte, erschien plötzlich wie aus dem Nichts eine Geschichte. „Das Zaubermittel‘‘ hieß sie.
Noch bevor Elaine die Geschichte lesen wollte, zog es sie auf einmal ins Buch hinein.
„Wo bin ich hier? Was ist passiert?‘‘, flüsterte sie. Elaine lag auf einem kleinen Holzbett. Um sie herum standen Feen in einem Kreis. Eine alte Fee sagte: „Keine Angst, Liebes. Du bist hier bei uns sicher. Wir müssen dir etwas mitteilen. Es geht um deine Großmutter.“
„Meine Großmutter? Ist etwas mit ihr?“, fragte Elaine.
Die Fee antwortete: „Allerdings! Deine Oma hat kein Alzheimer. Sie ist auch nicht wirklich krank. Sondern sie ist verzaubert und du musst ihr diesen Zaubertrank bringen.‘‘
Eine andere Fee hielt ein kleines Fläschchen in ihrer Hand.
Verwirrt fragte Elaine, ob dieses Fläschchen Oma heilen könne.
„Ja, das kann es. Du musst es ihr so schnell wie möglich bringen“, sprach die Fee.
„Wie komme ich wieder zurück?“
Die Feen antworteten: „Du musst durch dieses Tor hier gehen. Schnell, denn wir haben nicht viel Zeit. Wenn du wieder zu Hause bist, darfst du niemandem davon erzählen. Das bleibt unser Geheimnis!‘‘
Schließlich ging Elaine durch das Tor.
Sie wachte wieder auf dem Dachboden vor den Kisten auf.
In ihrer Hand fand sie ein Fläschchen und einen Zettel. Auf dem Zettel stand: „Liebe Elaine, denk daran, jeden Tag ein bisschen mit deiner Oma in dem Buch zu lesen. Glaube uns, das wird nicht nur deiner Oma, sondern auch dir guttun. In Liebe, deine Feen!‘‘
Elaine stand auf und ging in ihr Zimmer. Als sie auf die Uhr sah, bemerkte sie, dass keine Minute vergangen war. Sie dachte, dass das seltsam sei.
Am nächsten Tag gab sie ihrer Oma den Trank und nach wenigen Minuten ging es ihr besser.
Ihre Eltern konnten sich nicht erklären, wie das möglich war. Doch Elaine zwinkerte Oma nur zu.