Drei Kinder

von Leonie Weber

„Zwei Tage, dann sind wir wieder zurück. Passt auf das Haus auf und stellt nichts an!“, sagte der Vater mit ernster Stimme. Fabian verdrehte die Augen und verschwand sofort in sein Zimmer, am liebsten wollte er die ganze Verantwortung über das Haus an seine Schwester weitergeben. Mandy ging ans Fenster und winkte den Eltern noch nach. Bevor das ganze Haus in Stille versank. Langsam ging sie durch die Räume, als sie am Wohnzimmer vorbeikam, hörte sie ein dumpfes Klopfen. Mandy hielt den Atem an und ging ins Wohnzimmer, doch als sie drinnen war, war alles wieder still. Sie schüttelte den Kopf und murmelte: „Einbildung“. Schließlich ging sie ins Bett.

In der Nacht wurde Mandy von lauten Schritten und einer knallenden Tür geweckt. Sie dachte sich nichts dabei, denn vielleicht war es nur ihr nerviger Bruder.

Am nächsten Tag frühstückten sie. Dabei entdeckten Mandy und Fabian am Kühlschrank eine kleine Notiz und lasen sie neugierig durch. Darauf stand eine Liste mit Aufgaben, die sie an den zwei Tagen erledigen mussten. Gemeinsam beschlossen sie, alle Arbeiten sofort an diesem Tag zu erledigen, damit sie am nächsten Tag nichts mehr zu tun hatten. Fabian trottete in die Abstellkammer und holte den Staubsauger und begann zu putzen.

Als er im Wohnzimmer fast fertig war, fand er plötzlich unter dem Teppich eine Tür mit einem großen Schloss, die er noch nie gesehen hatte. Er rief nach Mandy, die genervt in das Wohnzimmer kam. Er zeigte ihr die Tür und fragte, ob sie diese schon einmal gesehen hatte. Sie schüttelte den Kopf. Mandy runzelte die Stirn und betrachtete das große Schloss nachdenklich.

Nach einigem Suchen stießen sie schließlich in einer verstaubten Blechdose im Flur auf einen kleinen, rostigen Schlüssel. Mit klopfendem Herzen gingen sie zurück ins Wohnzimmer. Fabian steckte den Schlüssel vorsichtig in das Schloss, drehte ihn langsam um und mit einem leisen Knacken öffnete sich die Tür. Sie schauten sich überrascht an, bevor sie gemeinsam die schwere Klappe anhoben.

Dort befand sich eine Treppe, die in eine Kammer führte. So neugierig, wie sie waren, stiegen sie die Treppe hinunter und fanden ganz viele Essensreste, Müll und Zeitungspapier von letzter Woche. An der Wand hingen Kinderfotos. Fabian hing ein Foto ab und wurde auf der Stelle blass. Auf dem Foto waren zwei Kinder abgebildet, die im Schnee spielten. Sie sahen aus wie Mandy und Fabian, doch das Komische war, neben ihnen saß noch ein Junge. Er sah genauso aus wie Fabian, aber er hatte auf der Wange ein Muttermal, das die beiden unterschied. Verwirrt gingen beide mit den Bildern nach oben und dachten den ganzen Tag lang nur an diesen Jungen.

Am Abend saßen Mandy und Fabian noch lange zusammen und redeten über den geheimnisvollen Jungen auf dem Foto.

In der Nacht wurde Mandy wieder wach. Sie hörte wieder Schritte und wie der Kühlschrank auf- und zuging. Sie stand auf und schlich sich ganz vorsichtig nach unten. Die Geräusche wurden immer lauter und lauter. Sie ging langsam weiter und plötzlich sah sie eine schwarze Gestalt. Mandy blieb erschrocken stehen.

Sie erkannte einen Jungen, ungefähr so alt wie sie selbst. Er sah aus wie Fabian. Mandy fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert fragte sie: „Fabian?“ Der Junge drehte sich um und sah sie an. Plötzlich fror ihr das Gesicht. Es war nicht Fabian. Es war der Junge, den sie auf den Bildern gesehen hatten. Er schüttelte den Kopf und ging an ihr vorbei.

Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Sie stürmte sofort nach oben und weckte Fabian auf. Beide gingen nach unten und sie zog ihn ins Wohnzimmer. Sie wollten die Kammer untersuchen. Sie kletterten hinein, doch als sie unten waren, war alles weg. Die Essensreste, das Zeitungspapier, der ganze Müll, der auf dem Boden verstreut gewesen war, alles war weg. Sogar die große dreckige Matratze mit der Decke war einfach verschwunden.

Die beiden Jugendlichen gingen wieder nach oben und setzten sich auf das Sofa. Bevor Mandy etwas sagen konnte, hörten sie ein Auto, das in die Einfahrt bog. Ihre Eltern waren zurück und hörten schweigend zu, als Mandy und Fabian alles erzählten. Fabian holte die Kinderfotos aus seinem Zimmer und zeigte sie seinen Eltern. „Wer ist dieser Junge?“, fragte er leise und zeigte auf das Kind mit dem Muttermal auf der Wange. Die Eltern sahen sich an, ihre Gesichter wurden ernst. „Das … das war euer Bruder“, sagte ihr Vater schließlich. „Er ist vor vielen Jahren gestorben.“