
Mein kleines Geheimnis
von Simone Pölzl
Ich war gerade aus dem Bus gestiegen, da landete ein Vogel auf meiner Schulter. Verdattert schreckte ich zurück. Aber er machte keine Anstalten, davonzufliegen. Ich runzelte die Stirn und schaute ihn an. Ich hatte noch nie die Möglichkeit gehabt, einen Vogel so nah zu betrachten: seinen winzigen Kopf, das pummelige Körperchen, wie es auf meiner Schulter ruhte.
Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, spürte ich, wie sich der Vogel wieder von mir löste und in die Luft stieg. Aber irgendetwas sagte mir, dass diese Begegnung etwas zu bedeuten hatte.
„Ich bin zu Hause!“, schrie ich durch das ganze Haus. Ich wohnte bei meinen Großeltern, weil meine Mutter gestorben war, als ich ein Baby war. Beim Mittagessen erzählte ich voller Freude, was sich an der Bushaltestelle zugetragen hatte. „Wow, das ist ja eigenartig. Diese Tiere sind normalerweise ganz scheu …“, antwortete meine Oma gedankenverloren. „Ich weiß, deswegen finde ich das unglaublich“, flüsterte ich, während ich mir die Spaghetti auf die Gabel drehte.
An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen. Ich hatte zu Abend gegessen, meine Serie geschaut und die Zähne geputzt, aber es funktionierte nicht. Mittlerweile war es schon zehn vor neun. Normalerweise schlief ich um diese Uhrzeit schon, aber heute fand ich keinen Schlaf. Nachdem ich noch drei Seiten aus meinem Lieblingsbuch gelesen hatte, klopfte etwas an meine Fensterscheibe.
Ich erschrak, aber ich redete mir ein, es wäre nur der Wind gewesen. Nach etwa drei Minuten klopfte es schon wieder. Ich schluckte. Missmutig trat ich ans Fensterbrett, doch durch das angeschlagene Glas konnte ich nichts erkennen. War das wirklich nur der Wind? Ja, dachte ich mir und legte mich wieder hin. Doch der Gedanke, draußen könnte etwas Aufregendes passieren, ließ mich nicht einschlafen.
Also nahm ich all meinen Mut zusammen und stieg aus dem Bett, um das Fenster zu öffnen. Kurz bevor meine Hand die Klinke erreichte, hielt ich inne. Was, wenn es ein Einbrecher war? Oder ein Mörder? Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Entschlossen drückte ich die Klinke nach unten und öffnete das Fenster.
Draußen erwartete mich eine sanfte Brise der kühlen Nachtluft. Vom Einbrecher fehlte jedoch jede Spur. Ich zuckte mit den Schultern und wollte das Fenster wieder schließen, da sah ich im Schein einer Straßenlaterne einen Vogel auf einem Baum gegenüber sitzen. Als er mich mit seinen winzigen Glubschaugen erblickte, flog er zu mir herüber. Unbewusst wich ich einen Schritt zurück, als er neben meiner Hand landete.
Während ich seinen kleinen Körper musterte, fiel mir auf, dass er einen kleinen Zettel am Bein hängen hatte. War das wirklich ein Zettel? Wenn ja, sollte ich ihn lesen? Oder war es ein Stück Papier, in dem er sich verfangen hatte?
Der Vogel schien auf etwas zu warten, also fühlte ich mich verpflichtet, den Zettel loszubinden. Langsam näherte ich mich dem Tier wieder, atmete dreimal tief durch und griff nach dem Vogel. Nachdem ich ihn von dem Papier befreit hatte, rollte ich den Zettel auf. Darauf stand:
Für Thea McMops. Am 12.06.2012
Der Arzt hat mir gerade gesagt, dass ich deine Geburt nicht überleben werde. Deshalb schreibe ich dir einen Brief. Das ist Biene. Ich habe sie gebeten, dir den Zettel zu bringen, wenn du lesen kannst. Ich glaube, ihr werdet einmal gute Freunde. Sie ist schüchtern, also wird sie am Anfang nicht sehr viel reden. Das ist das Einzige, was ich dir noch mitgeben kann. Ich liebe dich.
Mama
Was? Für mich? Der Brief war für mich! Ich las ihn mir noch zweimal durch, aber es stand alles eins zu eins da. Plötzlich drehte sich alles. Ich setzte mich auf den Boden, schlang meine Arme um die Beine und ließ meinen Kopf auf die Kniescheiben sinken.
„Dreizehn Jahre trage ich den Brief schon mit mir herum! Ich habe mich echt gewundert, dass du ihn nicht schon früher gesehen hast“, holte mich der Vogel aus meinen Gedanken. Er hatte sich mittlerweile neben mich gesetzt, wollte sich aber gerade wieder auf den Weg machen.
„Bleib …“, hielt ich ihn zurück. Mich wunderte es, dass ich überhaupt sprechen konnte.
„Du verstehst mich? Wow, das hast du ja wirklich von deiner Mutter …“, murmelte Biene gedankenverloren und starrte auf den Boden.
Ich beugte mich zu ihr hinunter und fragte: „Kannst du mir das erklären?“
„Mit Vergnügen! Ich bin Biene – das weißt du ja schon. Als ich klein war, hat deine Mutter mich gerettet, und seitdem waren wir unzertrennlich. Ich war sogar bei deiner Geburt dabei. Ich! Ein Vogel! Naja, die Ärzte mussten danach in die Psychiatrie eingeliefert werden, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Die Hauptsache ist, dass du die Gabe deiner Mutter geerbt hast und mit Tieren sprechen kannst! Aber natürlich nur, wenn sie das wollen“, antwortete Biene.
An diesem Abend blieb sie noch lange bei mir, und wir sprachen die halbe Nacht lang, sodass ich am nächsten Tag so müde war, dass ich ausnahmsweise schwänzte.
Aber ob ich das meinen Großeltern erzähle? Nein, niemals. Das bleibt mein kleines Geheimnis.