Mein Vater & ich

Wir sind ein Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen.

Mit dem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte trommelnd starre ich auf das fast leere Papier vor mir. Nur die Überschrift steht dort: „Mein Vater und ich“.
Wir sollen dazu einen kurzen inneren Monolog schreiben. Wenn ich den Text morgen nicht abgebe, wird es eng mit der positiven Note in Deutsch. Eine mündliche Prüfung in der Woche vom Notenschluss wäre echt lästig. Denn am Wochenende davor ist Fias legendäre Schulschluss-Party. Außerdem ist Fia richtig nett. Wenn sie lacht, funkeln ihre Augen. Dann muss man einfach mitlachen.
Alle in der Klasse hoffen, ein cremeweißes Kuvert zu bekommen, in dem eine Einladung steckt. Fia liebt so Vintage-Dinge. Wenn du Glück hast, findest du irgendwann eines in deinem Rucksack oder Spind. Ich weiß, dass die Einladungen schon die Runde machen, auch wenn ich noch keine bekommen habe. Nur zur Sicherheit habe ich vorhin den Inhalt meines Rucksacks auf dem Boden verteilt. Aber zwischen den Heften und Büchern steckte kein Kuvert.

Die Geschichte zum Anhören

Hier kannst du dir die Kurzgeschichte „Mein Vater & ich“ von Christine Auer auch anhören:

Wütend fege ich mein Federpennal vom Schreibtisch. Leider fällt dabei auch das gerahmte Foto von Papa und mir auf den Boden. Klirrend zerspringt das Glas.
Ich bücke mich, um die Scherben einzusammeln.
In diesem Moment öffnet mein Vater die Tür. „Alex? Alles in Ordnung?“
„Sieht es so aus?“, murre ich und lasse die Scherben in meinen Papierkorb fallen.
„Warte, ich helfe dir.“ Gegen meinen Protest kniet er sich neben mir auf den Boden und löst das Foto vorsichtig aus dem Rahmen. „Kannst du dich daran noch erinnern? Da waren wir bei den Wackelsteinen.“
Eine jüngere Version von mir steht grinsend neben meinem Vater. Wir tun so, als würden wir den riesigen Stein auf unseren Händen balancieren. Das Foto hat ein anderer Wanderer gemacht, der mit seiner Familie unterwegs war.
Bei uns waren es immer nur mein Vater und ich. An die Zeit, als meine Mutter noch zu uns gehörte, kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich betrachte das Foto und nicke. Mein Vater legt es auf den Schreibtisch. Dabei wirft er, wie zufällig, einen Blick auf das weiße Papier. „Ah, der alles entscheidende Deutschtext. Innerer Monolog, oder? Kann ich dir dabei helfen?“
Ich schüttle den Kopf. „Ist ja ein innerer Monolog. Muss also von mir kommen.“ Ich warte darauf, dass er wieder geht. Doch stattdessen zieht er etwas aus seiner Hosentasche. „Kennst du eine Sofia? Du hast einen Brief von ihr bekommen. Hätte nicht gedacht, dass Kids heutzutage noch Briefe schreiben.“ Er legt mir ein leicht zerknittertes, cremeweißes Kuvert auf den Tisch.
Fias Einladung! Ich streiche die Knitterfalten glatt. „Wann ist der gekommen?“
„Anfang der Woche, glaube ich.“
Mein Herzschlag setzt einen Moment aus. Heute ist Sonntag! Fia wird denken, mir ist die Einladung egal, weil ich noch nichts gesagt habe. Dabei hat sie sich sogar die Mühe gemacht, sie zu mir nach Hause zu bringen. Schließlich steht auf dem Kuvert nur mein Name und es gibt keinen Poststempel. Wahrscheinlich bereut sie schon, mich eingeladen zu haben. Warum hat Papa mir nichts gesagt?
Ich spüre den Ärger in mir brodeln. Doch das Einzige, was ich mit überschlagender Stimme über die Lippen bringe ist: „Papa!“
Mein Vater zuckt nur mit den Schultern. „Sag Bescheid, wenn ich deinen Text durchlesen soll.“ Er schließt die Tür hinter sich. Wütend starre ich ihm nach und dann auf das weiße Papier vor mir. Ich schnappe mir einen Stift.
Mein Vater checkt einfach gar nichts. Er macht immer, was ER will. Ihm ist total egal, was MIR wichtig ist. Das nervt.
Mein Blick fällt auf das Foto von uns beiden und dem Wackelstein. Papas Hand liegt fest auf meiner. Daneben liegt Fias Einladung. Ich versuche mich daran zu erinnern, wann Papa das letzte Mal ausgegangen ist.
Langsam zerknülle ich den Zettel und hole mir einen neuen. Wie von selbst beginnt der Stift übers Papier zu fliegen. Meine Buchstaben sehen aus, als wären sie aus einem Wirbelsturm gefallen. 
Als ich fertig bin, lehne ich mich zurück und massiere mein Handgelenk. Ich überfliege den Text noch einmal.
***
Mein Vater und ich
Mein Vater und ich sind wie ein Puzzle, bei dem die Teile manchmal nicht zusammenpassen. Manchmal sind sie durcheinander und wollen sich nicht von mir bewegen lassen. Das macht mich wütend. Aber manchmal werde ich überrascht. Dann entsteht ein total schönes Bild. 
Ich verstehe meinen Vater nicht immer. Doch vielleicht geht es ihm mit mir genauso. Möglicherweise hat er noch nicht bemerkt, dass er die Puzzleteile auch mal loslassen muss, damit sie ihren Platz selbst finden können. Und das ist manchmal echt kompliziert. Aber ich versuche es. Und ich weiß, dass er da ist. Immer. Egal, wohin ich meine Puzzleteilchen bewegen werde.
***
Ich falte das Papier und schleiche mich in Papas Zimmer. Vorsichtig lege ich es auf seinen Kopfpolster.

Über die Autorin

Christine Auer ist eine österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie liebt Apfelkuchen, das Knistern von Buchseiten und Geschichten. Sie lebt in Wien mit ihrer Familie und zwei Katzen, die am liebsten auf der Computertastatur schlafen.


LeseStar-Aufgabe

Zwischen Schulstress, einer wichtigen Einladung und einem unerwarteten Gespräch mit seinem Vater gerät Alex in ein Gefühlschaos, das ihn zwingt, seine Beziehung zu seinem Vater neu zu überdenken. Lies die neue Kurzgeschichte von Christine Auer. Beantworte folgende Fragen:

☑️ = PIRLS-Lesekompetenzstufe

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