
Alles anders
Emil hat plötzlich lange Haare, Semira kurze. Und neben Paul fühle ich mich wie eine Maus.
Auch das noch“, knurre ich, als ich mich in meine Jacke zwänge. Im Juni hat sie mir noch gepasst. Jetzt schau ich damit aus wie ein Pinguin.
„Mama!“, schreie ich genervt.
Als sie kommt, muss sie sich das Lachen verkneifen. „Du bist eben ordentlich gewachsen in diesem Sommer“, meint sie und hängt im nervigen Mama-Ton dran: „Daher habe ich dir ja auch gesagt, dass du dir deine Sachen für deinen ersten Schultag rechtzeitig zusammensuchen sollst. Und nicht erst, wenn in fünf Minuten der Bus kommt.“
„Ja ja“, stöhne ich. „Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Es regnet!“
Mama zuckt mit den Schultern. „Dann nimm halt einen Regenschirm. Oma hat dir extra Geld für neue Sachen gegeben. Geh nach der Schule noch ins Einkaufszentrum und kauf dir eine neue Jacke. Du bist nun alt genug, dass du das alleine schaffst.“
Die Geschichte zum Anhören
Hier kannst du dir die Kurzgeschichte „Alles anders“ von Michaela Holzinger auch anhören:
Klar schaffe ich es allein, denke ich grummelnd, als ich mich wenig später auf eine freie Zweierbank im Postbus fallen lasse. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass ich allein nicht will!
Seit Elli mit ihren Eltern nach Niederösterreich gezogen ist, weil sie das Haus der Oma geerbt haben, ist alles anders. Elli kenne ich seit dem Kindergarten. Sie war schon immer meine beste Freundin. Bisher haben wir alles zu zweit gestemmt. Doch jetzt ist sie weg und ich habe keine Ahnung, wie ich das alles ohne sie hinkriegen soll.
Schon allein die lange Busfahrt durchs Tal, bis wir die Stadt erreichen, ist todlangweilig ohne sie. Die Erstklässler, alle ganz aufgeregt, weil sie nun auch in die Sportmittelschule gehen, kreischen, als würden sie zum ersten Mal in ihrem Leben unser Kaff verlassen. Megapeinlich sind die, und ich bin froh, als der Bus die Stadt erreicht.
Mit hochgezogenen Schultern laufe ich durch den Septembernieselregen hinein ins Schulgebäude. Der vertraute Geruch der Sporthallen steigt mir augenblicklich in die Nase. Wenigstens das ist gleichgeblieben, denke ich mir und suche unser neues Klassenzimmer. Als ich es betrete, hocken dort gefühlt zwanzig andere, die sich augenscheinlich auch so fühlen wie ich mich grade. Angepisst und anders.
Emil hat plötzlich lange Haare. Semira dafür kurze. Paul … woah, echt crazy – der ist wirklich gewachsen! Neben ihm fühle ich mich wie eine Maus. Wie es der Zufall will, ist bei ihm noch Platz und ich lasse mich auf den leeren Sessel neben ihm fallen.
„Hey, Melissa!“, brummt er.
„Hey“, brumme ich zurück, dann werde ich schon von Isi und Livia, die in der Reihe vor mir sitzen, in Beschlag genommen.
„Oh, Melissa!“, flötet Isi. „Wie geht’s? So ganz ohne Elli? Mensch, ich würd sterben, wenn Livia plötzlich weg wär.“ Sie klimpert mit ihren falschen Wimpern, die übrigens auch neu sind.
Livia hingegen schaut fast noch so aus wie im Juni. Ich glaube, sie hat sogar denselben Pulli an. „Wenn du weg wärst“, sagt sie zu Isi und grinst breit, „dann hätte ich Melissa. So einfach ist das.“ Isi schaut unter ihren falschen Wimpern daraufhin so blöd, dass ich seit gefühlten Ewigkeiten endlich wieder grinsen muss. Steif fühlen sich meine Wangen an, aber ich bin froh, dass ich es noch kann.
Dann, in der ersten Stunde mit unserem Klassenvorstand, in der es eh um nix geht, denke ich über das nach, was Livia vorhin gesagt hat. Kann man Freunde tatsächlich so einfach austauschen?
Elli mit Sicherheit nicht. Sie wird mir für ewig fehlen. Aber ihr deswegen ewig nachzutrauern, hilft mir auch nicht weiter. Und Livia war schon immer in Ordnung. Auch wenn das bedeutet, dass ich dann automatisch Isi an der Backe habe. Aber besser, als allein zu sein, oder nicht?
Nach drei Stunden haben wir für heute schon wieder frei und ich frag die beiden einfach. „Habt ihr Lust, noch ins Einkaufszentrum zu gehen? Ich brauch eine neue Jacke …“
„Trifft sich supi“, trällert Isi sofort begeistert, weil sie beim Shoppen einfach in ihrem Element ist. Livia und ich lassen sie daher einfach machen und watscheln ihr brav hinterher … bis Isi tatsächlich ein cooles Teil für mich findet.
Selber hätte ich so eine Jacke nie anprobiert. Jetzt, als ich mich darin im Spiegel der Umkleide betrachte, finde ich sie zwar anders. Aber auch irgendwie cool.
Und wenn nun ohnehin schon alles anders ist, wieso dann nicht diesen Umstand nutzen?! Manche Dinge kann ich schließlich selbst verändern, und das mach ich jetzt auch.
Über die Autorin

Michaela Holzinger lebt mit ihrer Familie und einer kunterbunten Esel-Ziegen-Bande im Norden von Österreich. Über 40 Bücher sind bisher erschienen, einige davon wurden ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.